(Düsseldorfer Anzeiger, 4. August 2010)
Die Serie zum Strom, Teil 1: Wie Feuerwehrmänner auf dem Fluss ihr Leben riskieren.

(schrö) Hundert Tonnen Stahl erzittern. Düsseldorfs Feuerlöschboot 2 legt sich in die Kurve. Auf dem Rhein bei Dormagen ist die „Avanti“ explodiert, ein Tankschiff. Jetzt kommt es auf jede Minute an.
Vor Ort angekommen, powert die Lösch-Kanone Schaum auf Hochtouren in den Brandherd. Zwei Tote sind zu diesem Zeitpunkt schon zu beklagen. Später wird ein Schwerverletzter sterben. „Dass wir dort nachts um halb zwei den Kollegen zu Hilfe eilten, war absolut notwendig, sonst hätte es noch mehr Opfer gegeben.“ Heinz Gerd („Haggy“) Schroeder ist damals, 1999, mit an Bord des „Feuerlöschbootes 2“. Heute leitet der Mann mit dem Schützenkönig-Schnurrbart die Mannschaft. Über Gefahr und Gefühl, über Hochwasser und Höchstgeschwindigkeit redet er exklusiv mit dem Düsseldorfer Anzeiger im Ambulanzraum des Bootes. 1962 brennen in Emmerich nebeneinanderliegende Tankschiffe mehrere Tage lang. Nur von Land aus versuchen Löschzüge, die Sache in den Griff zu kriegen.

Das Löschboot ist genau so alt wie der Chef

Das ist die Geburtsstunde von NRWs Feuerwehr auf dem Wasser. Ein Jahr später wird Düsseldorfs Feuerlöschboot 2 in Dienst gestellt. Kosten: 780000 Mark. Hans Gerd Schroeder ist da gerade zwei Monate alt. 1988 geht er zur Feuerwehr, 1991 aufs Boot, 2006 wird er zum Wachvorsteher befördert. Der Weg ist mit Ausbildung vollgestopft. „Erst bist du Feuerwehrmann, dann machst du deinen Rettungsassistenten, dann kommen fünf Jahre auf dem Löschboot.“ Knoten knüpfen können, Behördenpatent, Sprechfunkzeugnis und und und. 42 Kilometer Rhein strömen an Düsseldorf vorbei, aber das Einsatzgebiet ist länger. „Von Oberwinter bis Holland - das sind 226 Kilometer.“ Die beiden MTU-Motoren mit je 1000 PS können das Schiff 45 km/h schnell machen. „Stromtalwärts, und mit Rückenwind.“ Das führt bei den hundert Tonnen Wasserverdrängung zu einer Welle, die an Land Anglern und Strandgängern gefährlich werden kann. „Deshalb beobachtet stets ein Mitglied der Besatzung mit dem Fernglas das Ufer.“ Die Mannschaft ist aufeinander eingeschworen. „Wenn du hundert 24-Stunden-Dienste pro Jahr machst, weißt du, wann sich der Kollege die Zähne putzt, und wie lange.“ Man geht also durch dick und dünn? Schroeder denkt nach.

„Man konnte mit dem Boot am Balkon anlegen"

Früher, in der alten Station Speditionsstraße, gab’s am Heiligabend mal Hochwasser. „Man konnte am Balkon anlegen.“ Das Wasser stand 20 Zentimeter hoch im Schlafraum. Als er sich in seine Koje gehangelt hatte, rutschte ihm ein Gummistiefel vom Fuß. In den nächsten Tagen machten die Feuerwehrleute selbst Klarschiff, „mit dem Schlamm und allem“. „Ich glaube, dazu würde sich das Team heute nicht mehr hergeben.“ Unverändert geblieben sind die Säulen des Tagesprogramms: 7 Uhr Dienstantritt, Wartung des Schiffs, 7.30 Uhr Dienst-Sport, 9 Uhr gemeinsames Frühstück, Wartung, Mittagspause, 17.15 Uhr wieder Dienstsport, ab 18.30 Uhr Bereitschaft. Viele Einsätze nehmen im Übrigen ein gutes Ende. Wie bei dem Baby der jungen Binnenschiffer-Familie. Es kullerte vom Wickeltisch und ließ sich nicht mehr beruhigen. Während der Fahrt legte Löschboot 2 an, nahm das Kleine in Empfang, brachte es ins Krankenhaus, ließ es untersuchen: Entwarnung. Dann zurück und die Verfolgung aufnehmen, um das Binnenschiff noch zu erreichen.

Quelle: Düsseldorfer Anzeiger